Versöhnung setzt Sühne voraus – Vortrag an der Gesamtschule Gießen-Ost im Rahmen des Holocaust-Gedenktages

Am vergangenen Freitag, einen Tag vor dem „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, kamen Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 10 in der Aula der Gesamtschule Gießen-Ost zusammen, um einen Vortrag über die NS-Zeit zu hören. Die Veranstaltung wurde von zwei Vertretern der Lagergemeinschaft Ausschwitz e.V., Neithard Dahlen und Ingo Weidenbach, durchgeführt. Sie bildete den Auftakt zur intensiven Beschäftigung mit der Vergangenheit, die im schulinternen Lehrplan für den Jahrgang 10 in Form einer „Buchenwaldprojektwoche“ fest verankert ist.

In seiner Begrüßungsrede betonte der stellvertretenden Schulleiter Stefan Reis, selbst Historiker, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ist. Er zitierte in diesem Zusammenhang die Worte des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, der den Gedenktag im Jahr 1996 einführte: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“ Ganz im Sinne Roman Herzogs spiele Demokratieerziehung an der GGO seit jeher eine zentrale Rolle. Er sei froh, dass an seiner Schule ein Projekt wie die Buchenwaldwoche die Gelegenheit gebe, sich ausführlich mit der NS-Zeit beschäftigen zu können. In dieser Woche, die stets im Februar stattfindet, werden die anwesenden Jugendlichen auch das KZ Buchenwald besuchen und, wie er aus eigener Erfahrung bezüglich des Besuchs eines anderen KZs berichtete, spätestens danach ein anderes Empfinden für die Vergangenheit haben.

Dahlen2

Im Anschluss übernahm Herr Neithard Dahlen das Wort. Er ist der stellvertretende Vorsitzende der Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer e.V. Er begann seinen Vortrag mit dem letzten Jahr des Krieges und mit der Besessenheit des NS-Regimes, noch vor dem nahenden Kriegsende möglichst viele Juden zu töten. Zur Entstehung von Rassismus und Antisemitismus erläuterte er, dass meist Unwissen der Anfang ist. Dieses schlage um in Angst, welche wiederum Hass erzeuge. Insofern sei es der erste Schritt, Unwissen zu beseitigen, und eben dies sei das Hauptanliegen seines Vereins. Ebenso setze eine Versöhnung mit der Vergangenheit Wissen über die Verbrechen voraus, denn das Wort „Versöhnung“ stamme nicht von ungefähr von dem Wort „Sühne“ ab. Später ging Herr Dahlen auch auf Vernichtungslager ein, die nicht so bekannt sind wie Auschwitz und Buchenwald, in denen aber ebenso Hunderttausende kaltblütig ermordet wurden. Hierzu gehörte das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, in dem vor allem Frauen und Kinder inhaftiert waren. Bevor ein Dokumentarfilm zu diesem KZ gezeigt wurde, erzählte Ingo Weidenbach die Geschichte seiner Großmutter Auguste Godglück aus Krofdorf, die u.a. wegen des Hörens so genannter Feindsender inhaftiert worden war und lange im KZ Ravensbrück einsaß. Sie überlebte die Zeit dort, aber war nach der Entlassung nur noch ein Schatten ihrer selbst, wie ein Foto aus dem Jahr 1946 verdeutlichte.

Zur Unterstützung der Veranstaltung saß auch die Künstlerin Dina Kunze im Publikum, die in Hessen mehrere Denkmäler geschaffen hat, die an Opfer des NS-Terrors erinnern. Sie stand ebenfalls für Fragen zur Verfügung und bot ihre Kooperation für weitere Projekte an.

Die Veranstaltung wurde musikalisch begleitet durch drei Musikstücke. Hyunu Park an der Geige und Maira Sibbie am Klavier, beide aus dem Musik-Leistungskurs des Jahrgangs 12, spielten u.a das von Häftlingen komponierte Lied „Die Moorsoldaten“ und den „Buchenwaldmarsch“, der sogar auf SS-Befehl hin komponiert und von den Häftlingen auf Kommando vorgetragen wurde.

Diese Personen waren maßgeblich an der Veranstaltung beteiligt (v.l.): Ingo Weidenbach und Neithard Dahlen von der Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer e.V., Carmen Stabel-Schläfer, Mitglied der Schulleitung und Organisatorin der Veranstaltung an der GGO, Künstlerin Dina Kunze, Maira Sibbie und Hyunu Park aus dem Musik-LK

Diese Personen waren maßgeblich an der Veranstaltung beteiligt (v.l.): Ingo Weidenbach und Neithard Dahlen von der Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer e.V., Carmen Stabel-Schläfer, Mitglied der Schulleitung und Organisatorin der Veranstaltung an der GGO, Künstlerin Dina Kunze, Maira Sibbie und Hyunu Park aus dem Musik-LK