»Das Honigschlecken macht am meisten Spaß«

Seit dem Jahre 2000: Bienen AG an der Gesamtschule Gießen-Ost – Landesinstitut für Bienenforschung lobt GGO-Honig

Gießen (pd). Noch ist es den drei Bienenvölkern etwas zu kühl. Deshalb halten sie sich lieber in den so genannten Holzbeuten auf der Dachterrasse auf. Doch bald werden die bis zu 50000 Insekten wieder ausschwärmen und in den Gärten und Streuobstwiesen der Umgebung auf Nahrungssuche gehen. Simon, Marvin, Maya, Raphael, Jan und Nils freuen sich schon darauf, wenn sie im Spätsommer Honig schleudern und später in Gläser abfüllen dürfen. Die Fünft- und Sechstklässler gehören zur Bienen-AG der Gesamtschule Gießen-Ost. Die Teilnahme an der von den Biologielehrern Jochen Leva und Gottfried Schoof geleiteten Arbeitsgemeinschaft macht den Schülern nicht nur Spaß, die Produkte der schuleigenen Imkerei können sich sehen und vor allem schmecken lassen. Das wurden den Nachwuchsimkern jetzt von amtlicher Stelle bestätigt. Das Landesinstitut für Bienenforschung in Kirchhain bescheinigte der GGO, dass sie sehr schmackhaften Honig produziert, der frei von Verunreinigungen ist, einen niedrigen Wassergehalt aufweist und durch seine besondere Frische und Naturbelassenheit besticht.



Vorsichtige Annäherung Die Bienen AG der Ostschule mit Gottfried
Schoof (vorn) und Jochen Leva besteht seit sieben Jahren. (Foto Schepp)

Kein Wunder also, wenn die Nachwuchsimker auf die Frage nach ihrer Lieblingsbeschäftigung in der AG wie aus einem Munde rufen »Das Honigschlecken macht am meisten Spaß.« Doch das ist nur ein Nebeneffekt einer Reihe von abwechslungsreichen Aufgaben, die sich am Rhythmus der Bienenaktivitäten orientieren.Das »Bienenjahr« beginnt seltsamerweise nicht vor, sondern nach der Ernte. Im Hochsommer, nach der letzten Honigentnahme, werden Bienen und Stöcke »winterfest« gemacht. Die Völker erhalten eine Zuckerlösung als Winterfutter, die Bekämpfung der Varroa-Milbe – an der Ostschule mit Ameisensäure und somit rein biologisch – gehört ebenso zu den Arbeiten im Herbst wie der Schutz vor Spitzmäusen. Die kleinen Nager hatten es im vergangenen Jahr nicht nur auf die Honig- und Wachsvorräte in den Stöcken abgesehen, sondern auch auf die Bienen selbst. »Das war ein richtiger Schock«, beschrieb Jochen Leva die Erfahrung, dass Mäuse im Winter die Bienenvölker dezimiert hatten. Für den nächsten Herbst fertigte die Arbeitsgemeinschaft Mäusegitter an, durch die die Bienen zwar noch durchschlüpfen können, für Spitzmäuse sind sie jedoch zu eng.

Überhaupt ist vieles von dem, was Schüler und Lehrer handwerklich verrichten, Millimeterarbeit. Rähmchen müssen gebaut und exakt eingepasst werden. Die AG-Mitglieder achten beispielsweise darauf, dass die Königin, die etwas dicker ist als die übrigen Bienen, nicht durch die Gitter schlüpfen kann. So bleiben Brut und Honig voneinander getrennt. Das Honigschleudern und das Anfertigen von Wachskerzen gehören ebenfalls zu den Pflichten der AG. Mit dem Verkauf dieser Produkte – etwa beim»Tag der Regionen« auf dem Kirchenplatz– schafft man sich ein finanzielles Polster, um teilweise recht teure Anschaffungen wie Schutzkleidung, Geräte zur Honigverarbeitung, Rähmchenmaterial und Winterfutter zu leisten. »Unsere AG trägt sich ohne externe Zuschüsse«, berichten die Hobby-Imker stolz. Und als kleine Entschädigung für das teilweise mühsame und langwierige Kerzenziehen ist sogar eine Pizza plus Getränk drin. Ins Leben gerufen wurde die Bienen AG übrigens im Jahr 2000 von einem damaligen Referendar der Schule. Die beiden heutigen Leiter waren bei ihrem Einstieg »völlig unbeleckt« und haben sich mit Lehrgängen beim Deutschen Imkerverband mit dem Einmaleins der Bienenzucht vertraut gemacht. Gottfried Schoof hat inzwischen auch privat die Liebe zu den fleißigen Insekten entdeckt und betreut zu Hause ebenfalls mehrere Bienenvölker. Für die Schülerinnen und Schüler bietet die Bienen AG Einblicke in eine Welt, die sie im normalen Unterricht allenfalls am Rande kennenlernen. »Die beiden Stunden am Dienstagnachmittag sind freiwillig, es gibt keine Noten. Schüler und Lehrer lernen sich in ganz anderen Zusammenhängen kennen«, beschreibt Leva eine weitere Besonderheit der Arbeitsgemeinschaft. Trotz der Freiwilligkeit entwickelt sich schnell ein Verantwortungsgefühl, denn der Anspruch der Bienen auf Betreuung und Fütterung richtet sich nicht nach dem Stundenplan. Gerade an warmen Tagen des Frühjahrs oder im beginnenden Sommer sind die kleinen Arbeitstiere manchmal so temperamentvoll, dass sie Schwärme bilden und das Weite suchen. Im vergangenen Jahr konnte ein Schwarm nur mit Hilfe der Berufsfeuerwehr per Drehleiter wieder eingefangen werden. Meistens gehen sie allerdings ihrer eigentlichen Aufgabe nach. Schließlich haben die drei Völker bei der letzten Ernte rund 90 Kilogramm des schmackhaften und von amtlicher Stelle gelobten Ostschulhonigs produziert.



Gießener Allgemeine vom 27.3.2007