„Wir brauchen mehr Europa, und nicht weniger”
Europatag an der Ostschule — Schüler im Gespräch mit Politikern — „Keine Alternative"
GIESSEN (fod). Europa gibt derzeit gerade für jüngere Menschen kein allzu gutes Bild ab. Ist doch in den Nachrichten unaufhörlich die Rede von einer Euro-Krise, Rettungsschirm für Griechenland und andere defizitäre Staaten oder Differenzen zwischen Mitgliedsländern. Und so waren auch die Fragen, die gestern Schüler der Gesamtschule Gießen-Ost (GGO) im Rahmen des Europatages an die sie besuchenden Politiker stellten, von kritischen Ansichten geprägt.
Dass die GGO überhaupt als eine von bundesweit nur zehn Schulen vom Institut für europäische Partnerschaften und internationale Zusammenarbeit e.V. in Bonn für den Europatag ausgewählt wurde, hat sie ihrer breiten Palette an internationalen Projekten wie Partnerschaften und Schüleraustausch zu verdanken. Nach der anfänglichen Podiumsdiskussion hatten die Schüler Gelegenheit, in kleineren, thematisch verschiedenen Gesprächskreisen den Vertretern der Politik gründlich auf den Zahn zu fühlen. Dem schlossen sich Arbeitsgruppen mit auslandserfahrenen Studierenden und Hochschulschulabsolventen an, die Schüler zu einem Praktikum in einem anderen Land ermunterten. Zum Thema passend wurde der Tag am Morgen in der fast voll besetzten Aula von der Bläserklasse der Jahrgangsstufe sechs mit der Europahymne „Ode an die Freude" begonnen, dem die Chorklasse 5c ein weiteres EU-Lied folgen ließ. In seiner Begrüßung berichtete Schulleiter Heribert Ohlig, dass „71 Prozent der Bevölkerung den Euro inzwischen negativ sehen" würden. Das war eine ideale Steilvorlage für die folgende Podiumsdiskussion, bei der dis Oberstufenschüler Janna Articus und Sasan Azarpour mit von Schülern verfassten Fragen den Ablauf gestalteten. Gleich die erste war von größter Aktualität. So wollten sie erfahren, ob ihre Gäste von Plänen zum Ausschluss von Ländern aus der Eurozone wüssten. Eine solche Maßnahme wurde parteiübergreifend abgelehnt.
„Das würde dem Geist eines gemeinschaftlichen Europas widersprechen", betonte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD). Gleichwohl sah sie noch „großen Nachholbedarf' bei der Angleichung sozialer und wirtschaftlicher Bedingungen in den mittlerweile 27 EU-Mitgliedsstaaten. Der FDP-Landtagsabgeordnete Helmut von Zech forderte von allen Ländern, „dass die vorgegebenen Regeln auch eingehalten werden müssen". Trotz der aktuellen Krise „gibt es zu Europa keine vernünftige Alternative", sagte er. Mürvet Öztürk, Landtagsabgeordnete der Grünen, sah die Europäische Union derzeit „noch in einer Probierphase" und forderte, „wir brauchen mehr Europa, und nicht weniger". Das schließt nach Ansicht aller Podiumsteilnehmer auch die Türkei mit ein. Wann diese in die EU aufgenommen werden sollte, wird jedoch sehr unterschiedlich bewertet. So machte sich Dennis Schneiderat, Bildungsreferent der CDU-Fraktion im hessischen Landtag, Sorgen wegen des angespannten Verhältnisses mit Israel, während Helmut von Zech den Eindruck hatte, die Türkei wolle jetzt lieber ihren Einfluss im asiatischen Raum ausweiten. Das immer wieder genannte Contra-Argument Menschenrechtssituation wurde von Dietlind Grabe-Bolz („Hier spielen andere Gründe eine Rolle”) und Mürvet Öztürk („Es ist vielmehr die Angst vor dem Beitritt so vieler Muslime”) zurückgewiesen.
In der Frage der Aufnahme von Flüchtlingen von außerhalb der EU sprachen sich die beiden Politikerinnen für eine Quotenregelung aus und forderten, dass auch Deutschland offener werden müsse. Der spontane Beifall der Mehrheit der Schüler zeigte, dass sie dies genauso sehen. Und weniger wie Helmut von Zech, der lieber ähnliche Aufnahmekriterien wie USA oder Australien hätte. Dietlind Grabe-Bolz rief die Schüler auf, „Europa als Chance zu sehen", die sich jedoch bei vielen jüngeren Menschen „erst noch durchsetzen muss".
Gießener Anzeiger vom 20. September 2011
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Die Aula der Ostschule war zur Podiumsdiskussion zum Auftakt des Europatages fast voll besetzt.
Foto: Docter







